Wie alles begann…

 

„Dies kündet euch Fürst Steinaug, Chronist dieser Welt.
Wächter alles Wesenden, Kenner alles Künftigen!

Reinweisse Nebel rauchen über rotem Land,
netzen die Erde, getränkt vom nässenden Blute Nichtswürdiger.

Steigen auf zu den grausigen Geistern der Ahnen,
schweben hin über friedliche Felder, träumende Täler und wabernde Wälder,
sinken hinab ins rostige Reich der Toten.

Röchelnder Kehlen klagende Kunde reicht,
weit über ragende Felsen, zur rettenden Küste hin.

Rächenden Auges blicke ich ins weite Rund,
rohe Runen ritzend, in rauen Stein,
die da raunen von meiner und meiner Mannen Bestimmung:

In diesen garstigen Gefilden sollst du  gründen einen starken Stamm,
reich an kräftigen Kriegern; wert, ihrer kunstvoll zu rühmen!“

Wie gern würde ich noch weiter stabreimen, das die Schwarte nur so kracht.
Doch da sich schon jetzt die Hälfte der Leser verabschiedet hat,
lasset mich  in normal geflossenem Deutsch fortfahren:

„Er wird gründen einen Stamm, dem es seit Anfang der Zeiten vorherbestimmt ist,
Grosses zu vollbringen und dereinst die Geschicke der Welt zu tragen und zu ordnen. Jetzt und durch alle Zeitenkreise.“

So oder ähnlich prophezeiten es die weisen Nornen anlässlich meiner  Geburt; stattgefunden im grössten Holzhaus des Dorfes, dem des Häuptlings Arminius.
Wie es das launische Schicksal wollte, handelte es sich dabei um meinen Vater:
Einen  dumpfen und streitsüchtigen Vollpfosten, der ausser etlichen eingeschlagenen Schädeln, mit deren Hilfe er gigantische Mengen Met verklappte, in seinem kümmerlichen Keltenleben nichts Vernünftiges zustande brachte.
Die Aufgabe, in  einer Welt von Dumpfbacken und Holzköpfen etwas Grosses auf die Beine zu stellen, fiel nun mir zu – an sich ein aussichtsloses Unterfangen!
Aber ein echter Kelte hadert nicht mit seinem Schicksal!
Wenn es dir nun mal vorherbestimmt ist, ein Auge und beide Beine zu verlieren,
um einen übelriechenden Drachen (vermutlich Blähungen, in dieser Beziehung sind Weissagungen immer sehr vage!) daran zu hindern, die einzige Jungfrau des Dorfes zu verschlingen (dass die Dorfburschen Freudentänze aufführen würden, wenn diese fette, schielende  Schreckschraube im Magen eines echten Feinschmeckers verschwindet, bleibt natürlich unerwähnt), dann schaust du auf dem Hinweg kurz beim Schreiner vorbei und gibst einen Holzstuhl mit Rädern in Auftrag. Und von der Geretteten bekommst du zum Dank eine schmucke, handgewirkte Augenklappe!

So gesehen war ich noch ganz glimpflich davongekommen: immerhin ging es in meiner Prophezeiung um unsterblichen Ruhm und Reichtum bis zum Abwinken.
Eine mögliche Hochzeit mit der hässlichsten Königstochter der Welt kam nur am Rande vor und Sach- bzw.  Körperschäden wurden nicht ausdrücklich erwähnt!

Also wuchs ich unbeschwert im Bewusstsein grosser Aufgaben heran und hatte nichts weiter zu tun, als meinem beschränkten Herrn Vater aus dem Weg zu gehen, der sich in seinen wenigen lichten Momenten ständig um mich kümmern wollte. So zwang er mich, im bitterkalten Winter den zugefrorenen Dorfweiher mit einem Hühnerknochen aufzuhacken und darin zu baden, um dadurch schneller zum Manne zu reifen.
Da waren mir seine von der „Rune des Rausches“ umnebelten Augenblicke lieber.
In denen hatte er schon wieder vergessen, das es mich gibt und erzählte unseren Wildschweinen langweiligen Heldengeschichten, die zustimmend grunzten und sich dankbar auf ihm herumwälzten, wenn er mitten in seiner Rede schnarchend vom Schemel fiel. Dann hatte ich Zeit, die mystischen Geheimnisse unserer Welt zu erforschen und dabei so manch wundersame Entdeckung zu machen.
Doch davon wird diese Geschichte nicht mehr handeln!
Bis zum nächsten Mal fügt euch folgsam
und rüstet euch mit der „Rune der Geduld“:

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2 Kommentare zu Wie alles begann…

  1. Hein vom Stein sagt:

    Krawehl, Krawehl. Trübtauber Ginst im Morgenhain

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