Fürst Steinaug erzählt (2)

Die meiste Zeit meiner Kindheit verbrachte ich mit Flann, dem Jungen aus der Nachbarhütte. Seine Eltern waren aus dem fernen Irland vor den Wütenden Wikingern geflohen und in unserem Dorf hängengeblieben. Flann war ein ungewöhnlicher Spielkamerad, der mich sehr frühzeitig mit den Folgen berauschender Getränke auf die inneren Organe bekannt machte und jede Menge putzige Geschichten über dieses Irland parat hatte: ein kleines grünes Land, in dem es Tag und Nacht regnet; Dörfer, bestehend aus kleinen weissgekalkten Häusern, die am Rand einer Schlucht stehen; Menschen, die sich ihre armselige Behausung mit Schweinen, Ziegen und Hühnern teilen und deren einzige Nahrung aus dampfenden Kartoffeln besteht! Flann konnte so gut erzählen, dass ich ein ums andere Mal anfing, ihm zu glauben, bis er es hoffnungslos übertrieb und mit irgendeiner hanebüchenden Story alles wieder vermasselte. So wie das eine Mal, als mein feiner Herr Vater seinen Rausch in aller Öffentlichkeit ausschlief, wobei er bäuchlings über der Palisade hing und übelriechende Metschwaden unsanft durchs ganze Dorf zogen. Im Handumdrehen leerte sich der Ort, ein paar Hühner von Elnir, dem Empfindlichen fielen mit einem leisen „Ponk“ in Ohnmacht und die weniger zart Besaiteten schmierten sich die Nasenlöcher mit Lehm zu. Flann tat völlig unbeeindruckt und meinte, dass ihm an dieser Gegend besonders die feinen Manieren der Einwohner und die zarten Düfte gefielen, die einem täglich um die Nase schmeicheln, ganz anders als in seiner Heimat:

 

„In meiner Jugend hatten wir immer einen schlechten Geruch in unserem Haus. Manchmal war er so schlecht, dass ich meine Mutter bat, mich in die Schule zu schicken, obwohl ich noch nicht richtig gehen konnte. Passanten machten weder halt noch gingen sie auch nur, sondern sie hasteten, wenn sie sich in der Nachbarschaft des Hauses befanden, an der Tür vorüber, bis sie eine halbe Meile zwischen sich und den schlechten Geruch gelegt hatten. Zweihundert Yards die Landstraße abwärts gab es noch ein weiteres Haus, und eines Tages, als unser Geruch besonders schlecht war, zogen die Leute aus, gingen nach Amerika und kehrten nie mehr zurück. Es heißt, sie hätten Leuten an jenem Ort erzählt, Irland sei ein feines Land, jedoch sei dort die Luft zu stark. Doch ach, es gab nie die mindeste Luft in unserem Haus. Ein Mitglied unserer Haushaltung war schuldig an diesem Gestank. Er hieß Ambrose. Der Alte-Knabe (Das war der Typ, der immer bei Flann zu Hause rumhing, wie eine Art Vater, bloss nicht so bescheuert!) hing sehr an ihm. Ambrose war der Sohn der Sarah. Sarah war eine Sau, die wir besaßen, und wenn sie mit Nachkommenschaft gesegnet war, dann war sie reichlich damit gesegnet. Trotz ihrer zahlreichen Brüste war keine für Ambrose übrig, als die Ferkel ihre Nahrung aus ihr saugten. Ambrose war schüchtern, und wenn Hunger die Ferkel befiel (er befällt ihresgleichen jäh und unvermittelt und alle gleichzeitig) ging er immer ohne Brust aus. Als der Alte-Knabe sich vergegenwärtigte, daß dieses kleine Ferkel schwächlich wurde und alle Kraft verlor, brachte er es ins Haus, bereitete ihm ein Lager aus Binsen am Kamin und fütterte ihn von Zeit zu Zeit mit Kuhmilch aus einer alten Flasche. Ambrose erholte sich unverzüglich, er wurde kräftig und hübsch und fett.  Als Ambrose klein war, hatte er einen kleinen Geruch. Als er an Größe gewann, wuchs sein Geruch im gleichen Umfang. Als er groß war, war sein Geruch ebenfalls groß. Zunächst war die Lage tagsüber nicht zu schlimm für uns, weil wir alle Fenster offen ließen, die Tür nicht schlossen und heftige Stürme durch das Haus fegten. Doch wenn die Dunkelheit sich senkte und Sarah mit den Ferkeln zum Schlafen hereinkam, dann kam es uns mitten in der Nacht so vor, als würden wir den Morgen nie mehr bei lebendigem Leibe sehen. Meine Mutter und der Alte-Knabe erhoben sich oft und wanderten draußen zehn Meilen durch den Regen, um dem Gestank zu entkommen. Nachdem Ambrose etwa einen Monat in unserem Haus verbracht hatte, weigerte sich Charlie, das Pferd, nachts hereinzukommen, und jeden Morgen fanden wir ihn durchnäßt und aufgeweicht (es gab für uns keine einzige Nacht ohne Niederschläge). Aber er war nichtsdestoweniger immer guter Laune, trotz allem, was er durch die Unbarmherzigkeit des Wetters zu erdulden hatte. Und in der Tat war ich es, der diese Umstände in ihrer ganzen Härte zu ertragen hatte, denn ich konnte nicht gehen noch sonstige Mittel der Fortbewegung finden. So ging es noch eine kleine Weile weiter. Ambrose schwoll rapide an, und der Alte-Graue-Knabe sagte, bald werde er stark genug sein, um mit den anderen Schweinen draußen an der frischen Luft herumzutollen. Er war der Liebling des Alten-Knaben, und deshalb konnte meine Mutter das wenig wohlriechende Schwein nicht mit Knüppelschlägen aus dem Haus scheuchen, obwohl ihre Gesundheit des fauligen Gestanks wegen zu leiden begonnen hatte… 
In diesem Augenblick fiel mein Vater krachend von der Palisade und riss mich aus den absurden Bildern von stinkenden Schweinen und vom Regen durchnässten Pferden, die sich weigern, ins Haus zu kommen! Da der Häuptling des Dorfes jetzt leider aufwachte und die Gefahr bestand, das er auf mich aufmerksam wurde, machte ich mich mit einem behenden Satz über den Zaun aus dem Staube. Flann rief mir noch etwas hinterher, das wie „Bleib hier, die Pointe kommt erst noch!“ klang, aber da war ich schon durch den Magischen Hain verschwunden. Beim Anblick des Pferdeschädels auf dem Altar, vor dem unsere Druiden immer ihre Show abziehen, ertappte ich mich kurz bei dem Gedanken, mein erstes Pferd Charlie zu nennen und ihm einen Stammplatz am Kamin einzurichten. Doch wie mein erstes eigenes Tier tatsächlich hiess, und vor allem was das für ein Tier war, das erfahrt ihr in der nächsten Geschichte!

Bis dahin vertreibt euch die Zeit mit der Rune des Wohlgeruchs:

euer Fürst Steinaug!
Rune des Wohlgeruchs

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